Pinocchio von der Alpspitze

Man trifft wahrlich viele lustige Gesellen in der Alpspitz-Ferrata, Gesellen, die dem Bergsteiger den Tag erheitern. Meine besonderen Lieblinge sind die jungen, ehrgeizigen Angeber, die andere Bergsteiger ständig lautstark maßregeln, wie sie richtig klettern und sichern sollen. Ich mag aber auch die alten, schnaufenden, schwitzenden und rotgesichtigen Dicken, die am Rande des Kollaps unterwegs sind und für die man froh ist, dass sich die endlose Schlange der Kletterer immer wieder staut und die Herren so zum Durchatmen kommen. Am besten sind aber vielleicht die übervorsichtigen Familienväter, die ihre Lieblinge wie auf dem Gletscher zusätzlich an ein Seil nehmen, sodass ein Stürzender unter Garantie die gesamte Seilschaft in die Bremse des Klettersteigsets reißt.

So fröhlich geht es zu, dass – wen wundert es – besonders neckische Berggeister unterwegs sind.

pinocchio

Dieser Schalk mit der langen Nase hat sie alle gesehen und belächelt, zumindest, wenn sie nicht mit der Bahn wieder herabfahren, sondern zu Fuß über das Kreuzeck absteigen. Hin und wieder blickt er auf, saugt das Bild eines seltsamen Wanderers (vielleicht auch das eines von denen, die in voller hochtourentauglichen Funktionsmontur und zackig klackernden Stöcken den lahmen Waldweg hinaufstolzieren) in sich hinen und muss sofort den Blick wieder senken, um wie ein kleines Kind, das das Schokoladenversteck der Mutter gefunden hat, in sich hineinzukichern. Vielleicht wird ob dieser stillen Boshaftigkeit seine Nase jedes Mal ein Stückchen länger … Aber wohl nicht, sonst wäre sie jetzt schon kilometerlang.

Mein Rat: Steigt auf die Alpspitze, die Tour ist wunderschön, aber ärgert Euch nicht zu viel über die vielen seltsamen anderen, sondern macht es wie unser Pinocchio-Geist: Lächelt weis in Euch hinein.

Der etruskische Geist vom Guffert

Dieser Geist ist tatsächlich ein bisschen schauerlich, hockt er doch halb verborgen in einer kleinen, im Fels hinter Büschen versteckten Höhle, an deren rechten Wand rätselhafte, in den Stein geschlagene Inschriften gefunden wurden. Rätselhaft sind die Zeichen deshalb, weil man die Schrift sehr wohl erkennt — es ist Etruskisch — aber den Text nicht versteht. Bei den Etrusker denkt man an die Toskana oder vielleicht noch Norditalien, aber die Höhle liegt in Nordtirol knapp hinter der bayerischen Grenze: am Schneidjoch beim Guffert. Was haben die Etrusker hier verloren?

Im ganzen zentralen Alpenraum finden sich derartige Zeichen, die man dem Volk der Rhäter zuordnet. Antike Autoren (z.B. Livius oder Plinius der Ältere) berichten, dass es sich bei diesen um keine anderen als eben Etrusker handelt, die von den um 400 v. Chr. in die Po-Ebene eindringenden Kelten von dort in die schwerer zugänglichen Alpentäler verdrängt wurden. Einiges spricht für diese These, unter anderem die identische Schrift, die man bis heute nur in Teilen lesen kann.

Wie hier am Schneidjoch. Klar ist den Forschern, dass mehrere Personen hier etwas gemacht haben: „Die vier Hauptzeilen der Felsinschrift besagen, dass mehrere Leute an diesem Ort irgendetwas ausgeführt haben. Man kann an Opferrituale oder sonstige kultische Handlungen denken“, wird Sprachforscher Stefan Schumacher in der österreichischen Zeitung Der Standard zitiert. Schumacher ist es 2006 aber gelungen, die Namen der wohl weihenden Rhäter zu entschlüsseln: Kastrie Etunnu und sein Sohn Ritauie Kastrinu.

Der wahre Herr der Höhle schaut sich das Spektakel in und um die Höhle zeitlos schweigend an:

schneidjoch

Hinten im Eck! — Hier noch mal in Groß:

Der Geist der Höhle
Der Geist der Höhle

Als Rhäter hätte ich ihm vielleicht auch etwas geopfert, erschreckt er uns doch, halb aus dem Felsspalt hervortretend, mit einem ewiglich feixenden Lachen, das dem Besucher — heutzutage durch ein Metallgitter getrennt — dreist entgegengrinst. Er will seinen Spaß und im Zweifelsfall schauerlich auf Deine Kosten.

Unser Berggeist ist übrigens eng befreundet (und vielleicht sogar verwandt) mit diesem Herrn:

murlo

Ein waschechter Etrusker aus Murlo, dreißig Kilometer südlich von Siena. Kein Geist, sondern ein Großgrundbesitzer in Lehm gebrannt. Auch mit ihm ist nicht zu spaßen, finde ich. Und beide haben tolle Hüte, der Etrusker eher einen Sombrero und unser Berggeist ein Wollmützchen, der eine schützt sich vor der Sonne der Toskana, der andere vor dem eisigen Wind der Berge und dem Schnee.

Der Guffert ist übrigens einer meiner Lieblingsberge, immer ragt seine breite, dunkle Silhouette mächtig hinter den Tegernseer Bergen hervor, bei Föhn auch von München aus deutlich zu erkennen, und von der Seite von Achenkirch aus, sieht er — schmal und in die Höhe ragend — fast aus wie das Matterhorn.

Der gefallene Geist vom Monte Brento

Er hat einen langen Absturz hinter sich, über tausend Meter von den gewaltigen Felswänden des Monte Brento herab. In seiner unmittelbaren Umgebung liegen andere wuchtige Klötze, der Sas Elena oder der Sas Lorenzo. Unser Berggeist hat hingegen keinen Namen, er ist zu klein! In der Tat nur kindgroß, ist er sehr gutmütig und erträgt gleich neben den einfachen Kletterrouten am Sas Elena im Sacra-Tal bei Arco eine Vielzahl gelangweilter Kinder, die auf ihm herumturnen. Diese sehen nur einen willkommenen Boulder-Block in ihm. Entspannt, klug und vom Absturz noch ein klein bisschen geknautscht und verkatert schaut er mit seiner hohen Stirn den Eltern zu, die sich an einer kurzen 5c-Route abmühen. Er hat etwas von Perikles, finde ich.

Der Geist von Sarca

Die Rückseiten seiner Nachbarn Sas Elena und Sas Lorenzo bilden lange flache Platten, an denen sich die Kinder bei sehr guter Absicherung im 3er-Bereich Vorstieg und Standbau üben können.